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Fertigung & Automation Marc Oberli Aktualisiert am 2026-09-25 8 Min. Lesezeit

Falsche Verweilzeiten oberhalb der Liquidustemperatur beschädigen Bauteile oder führen zu kalten Lötstellen. Hier finden Sie Richtwerte für bleifreie SAC305-Legierungen.

Reflow-Lötprofil einstellen: Peak-Temperatur und Vorheizung
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Zeit über Liquidus (TAL) muss für SAC305 zwischen 45 und 75 Sekunden gehalten werden.
  • Eine Peak-Temperatur zwischen 235 und 245 Grad Celsius gewährleistet sichere Benetzung ohne Substratschäden.
  • Messungen müssen an realen Baugruppen mit Thermoelementen an den thermisch kritischsten Punkten erfolgen.

Fehlerhafte Reflow-Profile zerstören Baugruppen im Minutentakt. Lötperlenbildung, Grabsteineffekte bei 0402-Passiven oder delaminierte QFN-Gehäuse gehen fast ausnahmslos auf falsch eingestellte Temperaturgradienten, unzureichende Verweilzeiten oder überhöhte Spitzentemperaturen zurück. Die Umstellung auf bleifreie Legierungen wie SAC305 hat das nutzbare Prozessfenster auf wenige Grad Celsius verengt. Wer hier ohne präzise Messdaten an den Heizzonen dreht, erzeugt Ausschuss statt stabiler Lötstellen.

Ein reproduzierbares Lötprofil erfordert die exakte Abstimmung aller thermischen Abschnitte auf Leiterplattendicke, Kupferbelegung und Komponentenmix. Ein Standardaufbau mit 1,6 Millimeter FR4-Basismaterial und vier Lagen reagiert völlig anders als eine doppelseitig bestückte Leistungselektronik mit dicken Kupferinlays. Die thermische Trägheit großer D-PAK-Gehäuse kollidiert mit der Hitzeempfindlichkeit kleiner MLCC-Kondensatoren. Ziel jeder Profilierung ist die Minimierung des Delta T über die gesamte Baugruppe vor dem Erreichen der Schmelztemperatur.

Zonen eines modernen Konvektions-Reflow-Ofens

Industrielle Konvektions-Reflow-Anlagen arbeiten heute typischerweise mit 7 bis 12 separat regelbaren Heizzonen und mindestens zwei aktiven Kühlzonen. Ober- und Unterhitze lassen sich bei modernen Anlagen getrennt parametrieren. Die Wärmeübertragung erfolgt primär über erzwungene Konvektion: Vorerwärmtes Stickstoffgas oder getrocknete Luft wird über Lochbleche oder Düsenfelder mit kontrollierter Strömungsgeschwindigkeit senkrecht auf die Baugruppe geblasen. Das reduziert Schatteneffekte durch hochbauende Komponenten im Vergleich zu älteren Infrarotsystemen drastisch.

Die Zonenaufteilung gliedert sich in funktionale Kernsegmente, die eine kontinuierliche Temperaturkurve formen:

  • Einlauf- und Vorheizzone (Zonen 1 bis 3): Sanfte Erwärmung der Baugruppe von Raumtemperatur auf etwa 130 bis 150 Grad Celsius. Der Temperaturanstieg (Ramp-up) liegt idealerweise zwischen 1,2 und 2,4 Kelvin pro Sekunde. Zu steile Flanken führen zum Ausgasen von Lösungsmitteln und Sprengung von Lotpaste.
  • Ausgleichs- und Tränkzone / Soak (Zonen 4 bis 6): Homogenisierung des Temperaturfeldes zwischen 150 und 190 Grad Celsius. Bauteile mit hoher Wärmekapazität holen thermisch auf. Gleichzeitig reduzieren die Aktivatoren der Lotpaste die Oberflächenoxide.
  • Peak- und Reflow-Zone (Zonen 7 bis 9): Rapider Anstieg über den Liquiduspunkt des Lots (bei SAC305 exakt 217 Grad Celsius) bis zur maximalen Prozesstemperatur. Hier erfolgt die eigentliche Benetzung und Ausbildung der intermetallischen Phase (IMC).
  • Kühlzone (Zonen 10 bis 12): Kontrollierte Erstarrung des Lots durch gekühltes Prozessgas oder Gebläseluft. Ziel ist eine feinkörnige Gefügestruktur der Lötstelle.

Die Bandgeschwindigkeit definiert gemeinsam mit der Baulänge der Heizzonen die Verweilzeit in jedem Temperatursegment. Bei einer Ofenlänge von 3,8 Metern Heizzone und einer typischen Bandgeschwindigkeit von 85 Zentimetern pro Minute verbleibt das Produkt rund 270 Sekunden im aktiven Tunnel. Eine Verstellung der Fördergeschwindigkeit verschiebt sämtliche Zonenpunkte simultan und muss daher immer durch Anpassung der Zonentemperaturen kompensiert werden.

Aktivierung des Flussmittels in der Vorheizzone

Die Vorheizzone erfüllt zwei chemische und physikalische Kernaufgaben: Sie treibt flüchtige Lösungsmittel aus der Lotpaste aus und bringt das Flussmittel auf seine Aktivierungstemperatur. Erfolgt die Erwärmung zu langsam, verdampfen die Trägerflüssigkeiten vorzeitig, ohne dass das Flussmittel die Metalloberflächen reinigen kann. Die Paste trocknet ein, was zu unvollständiger Benetzung führt. Steigt die Temperatur dagegen zu schnell mit mehr als 3 Kelvin pro Sekunde, kocht das Lösemittel explosionsartig auf. Mikroskopisch kleine Lotkügelchen werden über das gesamte Board geschleudert und erzeugen Kurzschlüsse unter Fine-Pitch-ICs.

Man unterscheidet in der Praxis zwei Profiltypen für die Tränkzone:

Profiltyp Temperaturführung Vorheizung Typische Soak-Dauer Haupteinsatzgebiet
Ramp-to-Spike (RTS) Linearer Anstieg direkt bis zur Liquidustemperatur ohne Halteplateau Kein separates Plateau (60 bis 80 s linearer Übergang) Einfache Baugruppen, geringe thermische Spreizung, No-Clean-Pasten mit hoher Aktivität
Ramp-Soak-Spike (RSS) Anstieg auf 150 bis 170 °C, Halteplateau, dann steiler Peak 60 bis 115 Sekunden Plateauzeit Schwere Baugruppen, BGA/QFN-Bestückung, stark variierende Bauteilmassen

Beim RSS-Profil verweilt die Baugruppe für eine definierte Zeitspanne in einem engen Temperaturfenster. Für ROL0- und ROL1-Lotpasten liegt dieser Bereich typischerweise zwischen 150 und 195 Grad Celsius. In diesem Fenster reduzieren die enthaltenen Carbonsäuren Kupfer- und Zinnoxide auf den Anschlusspads und den Lotpulverpartikeln. Dauert dieser Vorgang länger als 120 Sekunden, erschöpft sich das Flussmittel. Ist der Vorrat an unverbrauchtem Aktivator vor Erreichen der Schmelzphase aufgebraucht, reoxidieren die Metalle in der Peakzone. Das Ergebnis sind matte, poröse Lötstellen mit mangelhafter Benetzungskraft.

Überwachen Sie den Sauerstoffgehalt im Tunnel, wenn mit Stickstoffbegasung gearbeitet wird. Ein Restsauerstoffwert von unter 450 ppm stabilisiert das Flussmittelfenster erheblich. Bei extrem oxidationsanfälligen Oberflächen wie chemisch Zinn oder OSP reduziert Schutzgas die erforderliche Flussmittelaktivität und verhindert vorzeitigen Paste-Burnout im Soak-Segment.

Optimale Parameter für Peak-Temperatur und TAL

Die Reflow-Zone entscheidet über die mechanische Festigkeit der Verbindung. Zwei Parameter sind hier nicht verhandelbar: die maximale Peak-Temperatur ($T_{peak}$) und die Verweilzeit über Liquidus (Time Above Liquidus, TAL). Für die marktübliche SAC305-Legierung (Sn96.5Ag3.0Cu0.5) liegt der Schmelzpunkt bei 217 Grad Celsius. Für Sn63Pb37-Systeme im Avionik- und Militärbereich liegt er bei 183 Grad Celsius.

Rechnen Sie bei bleifreien Lötungen mit einem minimalen TAL von 45 Sekunden und einem Maximum von 85 Sekunden. In diesem Zeitfenster muss das Zinn vollständig aufschmelzen, die intermetallische Zone ausbilden und Gasblasen aus dem Lötstelleninneren entweichen lassen. Ein TAL unter 40 Sekunden erhöht das Risiko kalter Lötstellen, da das Lot an thermisch massereichen Komponenten wie Induktivitäten noch breiig ist. Ein TAL über 95 Sekunden lässt die intermetallische Schicht (Cu6Sn5 und Cu3Sn) über 4 Mikrometer anwachsen. Diese Schicht wird spröde und neigt unter mechanischem Schock oder thermischer Zyklierung zu Sprödbrüchen direkt an der Pad-Grenzfläche.

Die minimale Peak-Temperatur muss am thermisch kältesten Punkt des Boards mindestens 232 Grad Celsius erreichen (ein Delta von mindestens 15 Grad über Liquidus), um zuverlässig zu fließen. Gleichzeitig darf die maximale Peak-Temperatur am leichtesten Bauteil 250 Grad Celsius nicht überschreiten, da viele SMD-Steckverbinder, Elektrolytkondensatoren und IC-Gehäuse nach JEDEC J-STD-020D nur bis 245 oder maximal 255 Grad Celsius spezifiziert sind.

  1. Kältesten Punkt identifizieren: Das Innenpad eines großen BGA oder der Masseanschluss einer geschirmten Drossel. Messwert an dieser Stelle: Mindestens 235 Grad Celsius.
  2. Heißesten Punkt identifizieren: Eine freiliegende Ecke der Platine oder der Anschluss eines isolierten 0603-Widerstands ohne Masseanbindung. Messwert an dieser Stelle: Maximal 248 Grad Celsius.
  3. Delta T berechnen: Ziehen Sie den kältesten vom heißesten Messwert ab. Der Zielwert für ein stabiles Serienprofil liegt bei maximal 7 bis 9 Kelvin. Liegt das Delta darüber, muss die Soak-Zone verlängert oder die Konvektionsrate in den Zonen vor dem Peak angepasst werden.

Gefahren durch zu schnelle Abkühlraten

Nach Verlassen des Peak-Bereichs muss das flüssige Lot kontrolliert in die feste Phase übergehen. Die Abkühlrate wird in Kelvin pro Sekunde ab dem Unterschreiten der Liquidustemperatur berechnet. Eine zu langsame Abkühlung unter 1,5 Kelvin pro Sekunde führt zu grobkristallinem Gefüge. Große Dendriten und ungleichmäßige Silber-Zinn-Phasen ($Ag_3Sn$) verschlechtern die Wechsellastfestigkeit der Verbindung unter Betriebsbedingungen drastisch.

Extrem schnelle Abkühlung birgt jedoch handfeste Zerstörungsrisiken für Bauteile und Platine. Werden Baugruppen mit mehr als 4 Kelvin pro Sekunde abgeschreckt, drohen Bauteilschäden:

  • Mikrorisse in Keramikkondensatoren (MLCC): Mehrschichtkondensatoren bestehen aus spröder Keramik und metallischen Innenelektroden mit unterschiedlichen thermischen Ausdehnungskoeffizienten (CTE). Ein thermischer Schock führt zu submikroskopischen Scherrissen, die im späteren Betrieb Kurzschlüsse auslösen.
  • BGA-Die-Delamination: Silizium-Chip, Underfill, Substrat und Lotbälle ziehen sich bei rasanter Temperaturänderung asynchron zusammen. Es kommt zum Abreißen der internen Drahtbond- oder Flip-Chip-Kontakte.
  • Verzug der Leiterplatte (Warpage): Große, unsymmetrische Multilayer krümmen sich, wenn Ober- und Unterseite nicht absolut gleichmäßig gekühlt werden. Das führt zu Abreißern (Head-in-Pillow-Defekten) an Rand-BGA-Balls.

Ein robuster Richtwert für Standard-FR4-Baugruppen liegt bei einer kontrollierten Kühlrate zwischen 2,2 und 3,5 Kelvin pro Sekunde. Halten Sie diesen Bereich über ein geschlossenes Regelsystem mit Wasserkühlung oder Frequenzumrichtern an den Gebläsemotoren der Kühlzonen stabil. Kaltluftschocks mit ungefilterter Umgebungsluft sind prozesstechnisch unzulässig.

Temperaturprofil mit Schlepp-Datalogger aufzeichnen

Prozessprofile können nicht errechnet werden, sie müssen direkt auf der realen Baugruppe vermessen werden. Verwenden Sie dafür einen kalibrierten Datalogger mit Hitzeschutzgehäuse (Thermal Barrier), der im Ofen hinter der Messleiterplatte mitfährt. Zum Einsatz kommen Thermoelemente des Typs K (Nickel-Chrom/Nickel-Aluminium) mit möglichst feinem Drahtquerschnitt (Durchmesser 0,1 bis 0,2 Millimeter), um keine zusätzliche Wärme vom Messpunkt abzuleiten.

Befestigen Sie die Thermoelemente niemals mit einfachem Kapton-Band. Klebebänder lösen sich bei 220 Grad Celsius, verlieren den thermischen Kontakt und liefern Scheinwerte. Nur zwei Befestigungsmethoden liefern reproduzierbare Daten:

  1. Hochtemperaturlot: Anlöten der Thermoelement-Perle mit einer Legierung, deren Schmelzpunkt über 280 Grad Celsius liegt (beispielsweise HMP-Legierungen mit hohem Bleianteil, sofern ausnahmsweise zulässig, oder spezielle Gold-Zinn-Lote).
  2. Thermisch leitfähiger Zweikomponenten-Epoxidharzkleber: Punktuelles Verkleben der Messspitze. Der Klebstoff muss bis 300 Grad Celsius formstabil bleiben und darf nur in winzigen Mengen appliziert werden, um die thermische Masse nicht lokal zu verfälschen.

Für eine valide Messung müssen mindestens vier bis sechs Kanäle belegt werden. Positionieren Sie die Sensoren strategisch: Ein Messpunkt zwingend unter dem zentralen Ball des größten BGA (mittels Durchbohrung von der Leiterplattenrückseite direkt an das Pad geführt), ein Sensor an einer Außenkante der Platine, ein Sensor an einem thermisch unkritischen Kleinsignalbauteil und ein Sensor frei in der Luft 5 Millimeter über dem Board zur Erfassung der Umgebungskonvektion.

Häufige Fehler bei der Profilierung

Profilierungsfehler entstehen meist durch mangelnde Sorgfalt bei der Messvorbereitung oder Fehlinterpretation der Datalogger-Kurven.

  • Verwendung von Dummy-Boards ohne Bauteile: Eine nackte Leiterplatte hat eine drastisch geringere Wärmekapazität als eine voll bestückte Baugruppe. Ein darauf eingestelltes Profil überhitzt reale Baugruppen massiv. Verwenden Sie für die Messung immer eine vollständig bestückte Ausschussplatine.
  • Thermoelemente mit dicken Zuleitungsdrähten: Drähte mit 0,5 Millimeter Querschnitt fungieren als Kühlkörper. Die gemessene Peak-Temperatur liegt um bis zu 8 Kelvin unter dem tatsächlichen Wert an der Lötstelle.
  • Ignorieren des Ofenbeladungseffekts: Ein Profil, das bei leerem Ofen ermittelt wurde, bricht ein, wenn Baugruppen im 30-Sekunden-Takt durchlaufen. Die Konvektionswärme wird von der Vorware absorbiert. Testen Sie das Profil immer unter vollen Beladungsbedingungen.
  • Kompensation von Verzug durch Verringerung der Haltezeit: Wer das RSS-Plateau radikal verkürzt, um Taktzeit zu gewinnen, vergrößert das Delta T über dem Board. Grabsteineffekte (Tombstoning) bei 0201- und 0402-Komponenten nehmen sofort zu, da die Pads zeitlich asynchron aufschmelzen.

Praktische nächste Schritte zur Profiloptimierung

Beginnen Sie die Optimierung nicht mit blindem Verstellen der Regler. Erfassen Sie zunächst den Ist-Zustand. Rüsten Sie eine Referenzleiterplatte mit mindestens fünf Typ-K-Thermoelementen an den thermischen Extrempunkten aus. Sichern Sie die Messspitzen mit Hochtemperaturkleber und führen Sie eine Nullmessung bei der aktuellen Produktionsgeschwindigkeit durch.

Vergleichen Sie die Messkurven mit dem technischen Datenblatt Ihrer Lotpaste. Konzentrieren Sie sich zuerst auf die Ramp-up-Rate: Justieren Sie die ersten Heizzonen so ein, dass der Gradient stabil zwischen 1,5 und 2,0 Kelvin pro Sekunde verharrt. Bringen Sie danach die Soak-Zone auf das Niveau, bei dem das Delta T zwischen kältestem BGA-Pad und heißestem Chip-Widerstand vor Eintritt in die Peak-Zone unter 10 Kelvin fällt.

Prüfen Sie im Anschluss die Peak-Parameter. Verschieben Sie die Peak-Heizzonen nach oben oder unten, bis der kälteste Punkt verlässlich 235 Grad Celsius erreicht, ohne dass exponierte Komponenten 246 Grad Celsius überschreiten. Fixieren Sie den TAL zwischen 55 und 70 Sekunden. Verriegeln Sie nach erfolgreicher Verifikation die Rezeptparameter in der Ofensteuerung gegen unbefugte Änderungen und archivieren Sie den Referenz-Plot im Qualitätsmanagementsystem. Wiederholen Sie diesen Messdurchlauf quartalsweise sowie nach jeder mechanischen Wartung an Gebläsemotoren oder Heizelementen.

Dieser Fachartikel dient der reinen Information; für sicherheitskritische Schaltungen ist die direkte Freigabe durch zertifizierte Prüfingenieure erforderlich. Haftungsausschluss

Marc Oberli
Verfasst von Marc Oberli Leitender Redakteur für Mikroelektronik

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